Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung

Bewerbungen aus Marokko

Das Phänomen gibt es seit drei bis vier Jahren: Handwerksbetriebe erhalten immer wieder Bewerbungen aus Marokko oder anderen Nicht-EU-Staaten. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Azubis aus Marokko im Kammerbezirk Lübeck bereits gestiegen: von fünf im Jahr 2020 auf aktuell 41. Lohnt es sich also, solche Bewerbungen näher anzuschauen? Was müssen Betriebe berücksichtigen, wenn sie Azubis oder Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren wollen? Unsere Fachberaterin und Willkommenslotsin Carmen Haas gibt Tipps.

  1. Bei Interesse: Bewerbungen sichten und ersten Eindruck verschaffen.
    Sichten Sie die Bewerbungen und Unterlagen. Wie ist der Gesamteindruck?
    Gibt es konkrete Vorerfahrungen in dem Beruf, auf den sich beworben wurde? Gibt es Sprachzertifikate, wenn ja, welche? Warum möchte die Person eine Ausbildung in Deutschland absolvieren?  Auf welchem Weg wurde die Bewerbung geschickt? Warum möchte die Person genau in diese Region?
    Stellen Sie gerne einige Rückfragen per Mail, bevor Sie die Person zu einem Online-Bewerbungsgespräch einladen.
     
  2. Verabreden Sie sich zu einem unverbindlichen Gespräch per Video-Call.
    So können Sie sich einen guten ersten Eindruck verschaffen, vor allem auch von den tatsächlich vorhandenen Sprachkenntnissen. Gute deutsche Sprachkenntnisse sind das A und O in der Ausbildung. Mindestens sollte das B1-Niveau vorhanden sein – die meisten Bewerbenden weisen ein B1-Zertifikat nach, weil dies für das Visum notwendig ist. Wie es jedoch um die tatsächliche Sprachkompetenz steht, zeigt sich im direkten Gespräch am besten. Ist es viel schlechter, als das B1-Niveau verlangt, sollten Sie genau abwägen, ob sich eine weitere Beschäftigung mit der Bewerbung lohnt. Das Bestehen der Ausbildung ist daran geknüpft, dass die Azubis die Ausbildungssprache verstehen. Unsere jahrelange Erfahrung mit Geflüchteten zeigt auch, dass ein solides B2-Niveau einen viel höheren Ausbildungserfolg verspricht.
     
  3. Nutzen Sie das Gespräch auch, um sich einen genauen Eindruck von der Motivation der Bewerberin oder des Bewerbers zu verschaffen.
    Ein gutes Anzeichen für wirkliches Interesse am Beruf ist Vorerfahrung in diesem Bereich. Gibt es eine Ausbildung oder Berufserfahrung im Heimatland? Dies ist zwar keine Voraussetzung für eine Ausbildung, stellt jedoch sicher, dass der angestrebte Beruf auch der Wunschberuf ist. Dadurch steigt die Sicherheit, dass der potenzielle Azubi nicht schnell in einen anderen Beruf wechselt. Denn das würde das Aufenthaltsrecht grundsätzlich ermöglichen.

    Ein Kriterium kann auch sein, ob die Kandidatin oder der Kandidat in der Region bzw. in der Nähe des Betriebes bereits Leute kennt, damit auch die soziale Anbindung eine Basis hat und sie oder er nicht kurz nach der Einreise den Ort wechselt. Denn auch das wäre rein aufenthaltsrechtlich möglich. Hilfreich ist daher auch die Frage, wo in Deutschland die Person Bekannte und Familienangehörige hat.
     
  4. Ziehen Sie die Willkommenslotsen der Kammer zu einem ersten Gespräch oder auch schon vorher zur Sichtung der Unterlagen hinzu.
    Eine Kontaktaufnahme zu uns Willkommenslotsen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt ist sinnvoll. Bei Online-Vorstellungsgesprächen können wir eine Zweitmeinung abgeben. Entwickelt sich der Kontakt positiv, verweisen wir an die passenden Stellen, erklären das Visum-Verfahren und beraten zu Unterstützungsangeboten während der Ausbildung.
     
  5. Prüfen Sie, ob bei Ihnen die Voraussetzungen stimmen, um einen Azubi (oder einen Arbeitnehmer) aus dem Ausland ins Team zu integrieren.
    Gerade das Handwerk hat in den letzten Jahren viel dazu beigetragen, Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund beruflich zu integrieren. Viele Betriebe haben also schon Erfahrungen mit Mitarbeitenden aus dem Ausland. Wichtig ist, dass das eigene Team dahintersteht. Sie sollten sich darauf einstellen, dass in den meisten Fällen sprachliche Unterstützung notwendig sein wird. Wenn der ausländische Azubi da ist, sollte er weiter motiviert werden, Deutsch zu lernen. Viele Berufsschulen bieten dazu auch Extrastunden an. Und man sollte sich Gedanken machen, wie die Person auch sozial integriert werden kann. Vielleicht mit einem firmeninternen Mentor oder durch die Mitgliedschaft in einem Sportverein? Toll ist es auch, wenn der Kandidat bei der Wohnraumsuche unterstützt wird.

Carmen Haas Willkommenslotsin für die Städte Kiel und Neumünster sowie die Kreise Plön und Segeberg Nord Telefon 0431 53332-816 chaas@hwk-luebeck.de

Thorsten Anders Willkommenslotse für die Stadt Lübeck und die Kreise Ostholstein, Herzogtum Lauenburg und Stormarn Telefon 0451 1506-171 tanders@hwk-luebeck.de

Tanja Müller Willkommenslotsin für die Kreise Pinneberg, Steinburg und Segeberg Süd Telefon 04121 4739-642 tmueller@hwk-luebeck.de

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